Wenn nach der Schaltung von Stellenanzeigen die ersten Bewerbungen eintrudeln, ist es für Personalverantwortliche Zeit für die Vorbereitung des Jobinterviews. Innerhalb einer halben Stunde oder Stunde gilt es hier herauszufinden, ob der Bewerber zum Unternehmen passt oder nicht. Dabei kommt es meist weniger auf die Hard Facts an, sondern auf den Cultural Fit, der zunehmend wichtiger wird. Um herauszufinden, wie gut sich ein Kandidat in die Organisation einbringen wird, bedienen sich Personaler verschiedener Interviewtechniken. Eine davon ist das Stressinterview

 

Das Stressinterview: Definition, Aufgaben, Ziele

 

Die Arbeitswelt unterliegt einem rasanten Wandel. Kam es früher mehr auf Hard Skills an, um Aufgaben erledigen zu können, rücken zunehmend mehr die Soft Skills in den Mittelpunkt. Auch wenn ein Mitarbeiter alle geforderten Hard Skills mit an den Arbeitsplatz bringt, so können ihm fehlende Soft Skills im Alltag doch einen Strich durch die Rechnung machen. Auch die ausgezeichnetsten analytischen Fähigkeiten helfen zum Beispiel wenig, wenn diese in stressigen Situationen nicht angewendet werden können.

 

Heutzutage suchen Personaler daher verstärkt Mitarbeiter, die den richtigen Mix aus harten und weichen Fähigkeiten mitbringen. Denn Skills wie Stressresistenz, Teamfähigkeit, Kritikfähigkeit sind neben fachlichen Kompetenzen zunehmend von Bedeutung in einer Arbeitswelt, in der sich die Arbeitsdichte zunehmend erhöht, in der virtuelle Teams zusammenarbeiten und sich austauschen müssen und in der Teams nur gemeinsam und nicht mehr im Alleingang zu großen Ideen gelangen.

 

Interviewtechniken: Was bewirkt ein Stressinterview?

Doch wie lässt sich das Vorhandensein dieser Skills im Jobinterview testen? Dafür gibt es verschiedene Interviewtechniken. Sind in einem Job insbesondere Fähigkeiten wie Stresstoleranz gefordert, lässt sich im Jobinterview durch kleinere Stresstests herausfinden, ob ein Kandidat wirklich so besonnen in brenzligen Situationen reagiert, wie er in seinen Bewerbungsunterlagen angegeben hat. Besonders beliebt sind solche Stressinterviews im Rahmen von Assessment Centern, in denen mehr Zeit zur Verfügung steht als bei einem üblichen Jobinterview.

 

Doch was  ist unter einem Stressinterview genau zu verstehen? Wie ist der Ablauf? Stellen wir uns zur Beantwortung dieser Frage die folgende Situation in einem Jobinterview vor: “Sagen Sie einmal: Finden Sie diese Krawatte, die Sie da tragen eigentlich wirklich schön?” Wer solche Fragen während des Vorstellungsgesprächs gestellt bekommt, steckt bereits mitten drin im Stressinterview.

 

Stressinterview: Die  provokative Form des Bewerbungsgesprächs

Bei einem Stressinterview handelt es sich um eine eher provokative Form des Bewerbungsgesprächs. Es zielt ganz bewusst darauf ab, den Bewerber aus der Fassung zu bringen und ihn ein wenig zu provozieren. Personaler können so die Belastbarkeit eines Kandidaten unter die Lupe nehmen und hautnah erleben.

 

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In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Interviews, die persönlich verletzend waren. Doch soweit sollte es nicht kommen. Denn das gehört nicht zum guten Ton und kann sich vor allem bitter rächen. Im Zweifel weiß der Personaler zwar hinterher, ob der Bewerber gut mit Druck und unvorhergesehenen Situationen umgehen kann. Doch  gleichzeitig kann er seinen Recruiting Prozess von Neuem anstoßen, weil das Talent umgehend abgesprungen ist. Wer will schon bei einem Arbeitgeber arbeiten, bei dem man von Anfang an in die Enge getrieben wird?

 

Ein seriöses Stressinterview sieht anders aus. Es testet die Stresstoleranz eines Bewerbers viel subtiler. Auch ohne Angriffe oder Beleidigungen lässt sich herausfinden, ob ein Bewerber für einen Job geeignet ist, bei dem es beispielsweise grundsätzlich darum geht, schnelle und objektive Entscheidungen zu treffen, den Überblick zu wahren, wenn andere ihn längst verloren haben und auch im größten Chaos nie die Selbstbeherrschung zu verlieren.

 

Stressinterview: Die verschiedenen Phasen

Dazu durchläuft das Jobinterview verschiedene Phasen. Zunächst wird dem Interviewten eine Wohlfühlatmosphäre  kredenzt: Getränke, Snacks, ein netter Smalltalk und ein bisschen Plauderei über die gemeinsame berufliche Zukunft. Haben sich Interviewer und Interviewter “eingegrooved” und sind im Gespräch angekommen, geht’s los. Wie aus heiterem Himmel fragt der spätere Vorgesetzte dann zum Beispiel etwas, auf das der Jobanwärter nicht vorbereitet ist.

 

Die Bandbreite der Möglichkeiten ist groß, oftmals sind die Fragen thematisch vom eigentlichen Job weitgehend losgelöst. Mitunter werden sie wiederholt gestellt, um eine frustrierende Wirkung zu erzielen. Themen sind etwa der Lebenslauf oder das eigene Erscheinungsbild. So zum Beispiel: “Mir fällt gerade auf, Sie tragen ja eine lila Krawatte? Das ist die Farbe unseres Wettbewerbers. Wir tragen blau.” Auch wenn so ein Satz scheinbar ganz nebenbei fällt und sogar mit einem Lächeln ausgesprochen wird. Beim Bewerber reicht das aus, um ein unbehagliches Gefühl zu hinterlassen.

 

Nun beobachtet der Personaler genau: Wie reagiert das Gegenüber? Besonnen? Oder reicht so eine kleine Bemerkung schon aus, um die eben noch so souveräne Fassade zum Einsturz zu bringen? Wichtig dabei ist, dass Bewerber immer antworten sollten. Denn wer  sich nun in peinliches Schweigen hüllt, zeigt eine Facette seiner Persönlichkeit, die für ihn abträglich ist. Im späteren Job wird er Unangenehmes auch nicht einfach totschweigen können, sondern er muss mit Argumenten aufwarten.

 

Stressinterview: Die Reaktion des Bewerbers abwägen

Wichtig ist auch, dass der Kandidat nicht anfängt, sich in Rechtfertigungsarien zu verstricken. Auch das wird in seinem Job später nicht gerne gesehen. Sich aus unangenehmen Situationen herauszureden, steht so gar nicht auf der Beliebtheitsskala von Personalern.

 

Stattdessen sind reflektierte, lösungsorientierte Denkansätze gefragt. Auch wer sich durch eine Stressfrage angegriffen und provoziert fühlt und zur Gegenprovokation ansetzt, wird kaum eine Chance haben. Auch das ist nicht der Umgang, der später bei stressigen Situationen gewünscht sein wird.

 

Besser ist, den Interviewer immer ausreden zu lassen, Contenance zu wahren, gerne einmal tief durchzuatmen, bevor man eine Antwort gibt und diese so selbstbewusst wie möglich zu formulieren. So etwa: “Nachdem ich den Arbeitsvertrag unterschrieben habe, trage ich sehr gerne lila, heute ist die Krawatte aber ganz bewusst blau, weil diese Farbe meine Lieblingsfarbe ist und daher eine gute Wirkung auf mich hat. Und das Blau des Wettbewerbs ist ein völlig anderes. Mit dem hat meine Krawatte nichts zu tun.” Bingo! Mit dieser selbstbewussten Parade hat ein Bewerber alle Sympathien auf seiner Seite.

 

Stressinterview: Welche Fragen kommen vor?

Welche Fragen kommen bei einem Stressinterview vor? Diese zum Beispiel:

 

-“Denken Sie wirklich mit so einer Bewerbungsmappe bei uns punkten zu können?”
– “Was ist 7 mal 7?”
– “Sind Ihre Angaben nicht ein wenig geschönt?”
– “Ist es nicht unter Ihrem Niveau mit Leuten zusammenzuarbeiten, die nicht studiert haben?”

 

Oft sind die aufeinanderfolgenden Fragen zusammenhanglos und kommen in schneller Folge, um eine wahrheitsgemäße Antwort zu erzwingen. Zugegegeben, all das klingt auf den ersten Blick eher fies. Schließlich ist ein Jobinterview ohnehin für jeden Bewerber eine Stresssituation.

 

Hintergrund ist aber, dass der Stresslevel in vielen Berufen steigt, insbesondere, wenn es sich um eine Bewerbung auf eine Führungsposition dreht. Und in der Regel ist das Stressinterview nur ein ganz kurzer Teil des Jobinterviews. Es handelt sich um ein paar wenige Fragen, die plötzlich eingestreut werden. Mancher souveräne Bewerber merkt nicht einmal, dass er sich im Stresstest befindet. Bestanden!