BewerbungEs ist schon ein paar Jahre her, da wurde das Thema anonyme Bewerbung heiß diskutiert. Nun wird es wieder befeuert – von Siemens. Der Konzern erwägt die Abschaffung der Bewerbungsfotos und will damit für ein bisschen mehr Fairness im Bewerbungsprozess sorgen…

 

 

 

Eine Absage auf eine Bewerbung wegen der ethnischen Herkunft, des Alters oder des Geschlechts des Bewerbers. In Zeiten des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) sollte das in Deutschland doch eigentlich nicht mehr möglich sein. Ist es leider aber doch. Denn das Bewerbungsfoto hat oftmals mehr Einfluss auf die Personalentscheidung als mancher Personaler zugeben würde.

 

Bessere Chancen auf ein Vorstellungsgespräch ohne Foto

Oftmals geschieht das gar nicht mal bewusst oder gar böswillig. Allerdings ist das Unterbewusstsein beim Prozess der Personalauswahl hier und da kein guter Ratgeber. Ein paar Beispiele: Bei Bewerbern mit Migrationshintergrund schlägt es hin und wieder Alarm. Schließlich könnten Sprachbarrieren einer reibungslosen Zusammenarbeit im Wege stehen – selbst wenn das Anschreiben darauf keinen Hinweis liefert.

 

Oder: Ein Bewerbungsschreiben der Generationen 40plus oder 50plus? Haken dran: Die Zielgruppe gilt als zu unflexibel, festgefahren und als nicht immer lernwillig. Und bei der Durchsicht des Lebenslaufs einer Frau im gebärfähigen Alter: Ob die lange dabei bleiben wird? Lieber nochmal beiseite legen…

 

Foto lenkt von den harten Fakten in Lebenslauf, Bewerbung, Anschreiben ab

BewerbungAll das sind freilich überspitzte Klischees. Doch in abgeschwächter Form könnten sie unbewusst einen Einfluss haben. Und daher sind Fotos in Bewerbungsunterlagen aus Sicht von Siemens-Personalchefin Janina Kugel überflüssig, wie in einem kürzlich bei HAUFE veröffentlichten Interview nachzulesen ist.

 

Es gebe das Risiko, dass Firmenverantwortliche auf Basis solcher Bilder beeinflusst würden und dadurch nicht die richtigen Personalentscheidungen träfen, sagte Kugel vergangene Woche bei einer Pressekonferenz der Netzwerk-Initiative “Chefsache”, in der Siemens, Bosch, das Verteidigungsministerium, die Caritas und weitere Institutionen unter anderem Erfahrungen zur Frauenförderung austauschen.

 

Anonyme Bewerbung: Die Diskussion ist nicht neu

Und tatsächlich: Als die Diskussion über die anonyme Bewerbung vor ein paar Jahren erstmals aufploppte, hatten  Studien gerade bestätigt, dass allein ein ausländisch klingender Nachname reicht, um die Chancen eines Bewerbers um 14 Prozent sinken zu lassen. So die Erkenntnis einer Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit.

 

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Andere Erhebungen sprachen eine ähnliche Sprache. Laut OECD Bericht mussten Migranten seinerzeit schon stattliche 45 Prozent mehr Bewerbungen verschicken als einheimische Kandidaten, um zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden – bei Frauen waren es 30 Prozent an zusätzlich verschickten Bewerbungen. Ähnlich sah es bei Bewerbern der Generation 40plus aus.

 

Pilotversuch “anonyme Bewerbung” erfolgreich eingestellt

Zahlen, die alarmierten und in einem Pilotversuch der Antidiskriminierungsstelle des Bundes mündeten: Fünf Konzerne, darunter L’Oréal und Procter & Gamble, nahmen ein Jahr lang nur noch anonymisierte Bewerbungen an. Ebenfalls mit im Boot: das Bundesfamilien- und das nordrhein-westfälische Integrationsministerium.

 

Das heißt: In der Bewerbung tauchten weder Name, Alter, Geburtsort, Foto noch Familienstand auf. Das Ziel: Wer sich bei den genannten Unternehmen bewarb, sollte nicht nach persönlichen Angaben bewertet werden, sondern rein nach seiner Qualifikation.

 

“Ziel ist es, Bewerbungsverfahren so vorurteilsfrei wie möglich zu organisieren. Durch anonyme Bewerbungen sollen alle Bewerber eine Chance bekommen – auch diejenigen, die durch ein Raster fallen könnten”, lautete das Statement des Bundesfamilienministeriums.

 

Alle Unternehmen kehrten der anonymen Bewerbung den Rücken

ArbeitnehmerDoch der Pilotversuch endete wie so viele gut gemeinte Pilotversuche: Die beteiligten Unternehmen kehrten der anonymisierten Bewerbung aus verschiedensten Gründen den Rücken – obwohl das Pilotprojekt eigentlich gezeigt hatte, dass mit der Anonymisierung von Bewerbungsverfahren unbewusster oder bewusster Diskriminierung erfolgreich entgegengewirkt werden kann.

 

“Die Untersuchungen verdeutlichen, dass nach der Anonymisierung von Merkmalen wie Name, Geschlecht, Alter und Herkunft sowie dem Verzicht auf ein Bewerbungsfoto Chancengleichheit unter den Bewerbenden herrscht. Innerhalb der anonymisierten Bewerbungsverfahren haben potenziell benachteiligte Gruppen die gleiche Chance auf eine Einladung zu Vorstellungsgespräch oder Eignungstest”, zog seinerzeit Dr. Ulf Rinne, Senior Research Associate am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), in einem Interview Bilanz.

 

Frauen profitierten besonders

O-Ton Rinne: “Im Vergleich mit klassischen Bewerbungsverfahren gibt es darüber hinaus Anzeichen dafür, dass Frauen von anonymisierten Bewerbungsverfahren besonders profitieren können. Das gilt etwa für jüngere Frauen, die bereits Berufserfahrung haben und zum Beispiel wegen eines möglichen Kinderwunsches bislang schlechtere Chancen hatten.

 

Zudem gilt, dass sich die Chancen für Bewerbende mit Migrationshintergrund nach der Einführung anonymisierter Bewerbungsverfahren verbessert haben, falls sie zuvor geringere Chancen auf eine Einladung hatten. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse des Pilotprojektes, dass in Organisationen, die ohnehin bereits Maßnahmen zur Förderung von Vielfalt ergriffen hatten, anonymisierte Verfahren nur ein begrenztes Potenzial entfalten konnten.”

 

recruitingFür viele Personalexperten ging die Abschaffung der anonymen Bewerbung nach dem kurzen Probelauf daher mit einem schalen Gefühl einher. Hatte der Testballon den Kritikern der anonymen Bewerbung doch bewiesen: Es ist eben nicht so, dass den betroffenen “Minderheiten” bestehende Vorurteile spätestens im Vorstellungsgespräch zum Verhängnis werden.

 

Im Gegenteil wurden so mancher Voreingenommene durch den Praxistest eines Besseren belehrt. Etwa, wenn sich beim persönlichen Kennenlernen herausstellte, dass der Top-Kandidat für eine Stelle von einem anderen Kontinent stammt, aber besseres Deutsch spricht als mancher Einheimische. Oder, dass die Zweifach-Mutter über ein so gut funktionierendes soziales Netzwerk im Hintergrund verfügt, dass Überstunden oder eine flexible Einteilung der Arbeitszeit kein Problem darstellen.

 

Digital Recruiting DOWN

 

Angst vor dem Bürokratiemonster unbegründet

Auch die Befürchtungen, dass eine anonyme Bewerbung mit einem Plus an Bürokratie für suchende Unternehmen verbunden sein könnte, bestätigte sich nicht. Bei den Methoden der Anonymisierung entpuppte sich seinerzeit die Verwendung von standardisierten Bewerbungsformularen als einfache und schnell umsetzbare Lösung, die sich prinzipiell für alle untersuchten Organisationsformen eignete.

 

Was die Arbeitgeberseite letztlich dazu brachte, von dem Verfahren Abstand zu nehmen – eindeutig herausgefunden oder erklärt hat das bislang niemand. Derweil kommt es nicht von ungefähr, dass die Diskussion in Zeiten, in denen Deutschland über Flüchtlingsströme debattiert und sich rassistische Tendenzen in der Bevölkerung abzeichnen wieder neu aufgerollt wird. Vermutlich aus einem ähnlichen Grund wurden in manchen Staaten wie Kanada Fotos in Bewerbungen bereits  vor einiger Zeit verboten. In Europa bewege man sich bei dem Thema hingegen “nicht ganz so schnell”, sagte Siemens-Frau Kugel. Nun denn: Manchmal ist Geduld die Mutter von Innovationen…

 


 

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