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Bewerbung: Jede zweite landet im Müll

Veröffentlicht am 25. April 2016

alphaspirit-800x500_cDa wird landauf landab über den Fachkräftemangel und rückläufige Bewerberzahlen diskutiert und lamentiert. Tag für Tag häufen sich die Meldungen über die damit verbundenen Besetzungsschwierigkeiten vakanter Stellen. Und nun stellt eine kürzlich veröffentlichte Studie klar: Jede zweite Bewerbung wird gar nicht richtig gelesen, bevor sie auf Ablagestapel P landet. Nanu? (Bild: alphaspirit / dollarphotoclub)

 

Was mussten wir nicht schon alles über die aussterbenden Fachkräfte in Deutschland lesen! “Fachkräftemangel: Deutschlands Mittelständler hoffen auf die Flüchtlinge” titelte Spiegel Online, “Jede dritte Firma durch Fachkräftemangel gefährdet”, schrieb die Welt, “Keine Elektriker in München”, schob die Münchner Abendzeitung kürzlich nach.

 

Bewerbung: Studie Recruiting Trends eröffnet Einblicke

Aber ist die aktuelle Situation wirklich so schlimm, wie überall beschrieben? Ganz offenkundig nicht. Das legen zumindest die Ergebnisse der aktuellen Studie Recruiting Trends nahe. Gemeinsam mit dem Karriereportal Monster untersuchen Wissenschaftler in der jährlichen Erhebung die Top Themen in der Personalbeschaffung und kommen 2016 zu einem erstaunlichen Ergebnis: Firmen können es sich leisten, jede zweite Bewerbung nicht anzuschauen. Richtig gelesen: Nicht anzuschauen!

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In der Studie liest sich das wie folgt: “Unabhängig vom Bewerbungskanal geben die Top 1.000 Unternehmen an, dass sie durchschnittlich 48 Bewerbungen auf ein Stellenangebot erhalten. Bei einem Fünftel der Unternehmen gehen sogar zwischen 51 und 100 Bewerbungen zu einem Stellenangebot ein; bei jedem zehnten Unternehmen sind es im Durchschnitt mehr als 100 Bewerbungen.” (Bild: Recruiting Trends 2016, monster.de)

 

Bewerbung: Bye bye Bewerber

Das ist soweit ja schon mal nicht schlecht. Aber jetzt kommt’s: “Die Recruiter der Top 1.000 Unternehmen beschäftigen sich im Durchschnitt mit 42,2 Prozent und damit mit weniger als der Hälfte der eingegangenen Bewerbungen intensiv.” Ähnliche Zahlen zeigten sich auch in den Branchen Automotive, Handel und IT: Automotive-Unternehmen setzten sich im Durchschnitt mit 43,2 Prozent der Bewerbungen intensiv auseinander, Handelsunternehmen mit mehr als der Hälfte und die IT- Branche mit 45,2 Prozent.”

 

Handsome businessman working with laptopNur zu Erinnerung: Eben die IT und die Automotive Branche beklagen mit am lautesten, dass es an Bewerbern an allen Ecken und Enden hapert. Zugegeben, nun ist natürlich nicht jede Bewerbung von der Qualität, die man sich als Recruiter wünscht. Aber, dass jede zweite im übertragenen Sinne für den Eimer ist, verwundert schon. Und dann bleiben ja noch die restlichen 50 Prozent, die den zweiten und dritten Blick offensichtlich doch Wert sind. Sieht so Fachkräftemangel aus? Diese Zahlen scheinen das allerorts gesungene Klagelied von den nicht zu besetzenden Stellen abzumildern.  (Bild: arthurhidden / dollarphotoclub)

 

Bewerbung: Warum es nicht klappt

In der Zeit geht man sogar noch weiter: Man stimmt den Abgesang auf den Fachkräftemangel an.  “Bis Mitte des letzten Jahrzehnts dominierte die Angst vor Massenarbeitslosigkeit.  (…) Inzwischen hat sich der Wind gedreht. Die Beschäftigung hat ein Rekordniveau erreicht. Vollbeschäftigung ist keine Utopie mehr, sie ist in greifbare Nähe gerückt – auch wenn Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte noch zu oft ohne Erwerbschance bleiben. Nun dominiert stattdessen der sich angeblich abzeichnende Fachkräftemangel die öffentliche Debatte.”
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Und Autor Thomas Straubhaar fährt wie folgt  fort:  “Unisono wird in Deutschland aus den Prognosen eines erwartet starken Rückgangs der Menschen im Erwerbsalter ein steil ansteigender Mangel an Arbeits- und besonders Fachkräften abgeleitet. Keine Zahl scheint zu groß, um die drohende Lücke abzubilden. Fehlen Deutschland in einigen Jahrzehnten 8, 10 oder gar 15 Millionen Arbeitskräfte? Und sind als Folge des Fachkräftemangels Wohlstand und Wohlfahrt gefährdet? Das sind die Fragen, die viele erschrecken.”

 

Bewerbung: Der Fachkräftemangel ist tot

Straubhaar macht mit diesen Sorgen kurzen Prozess. Er erklärt den Fachkräftemangel im weiteren Verlauf seines Artikels nicht nur für tot, sondern – mehr noch – zum nie da gewesen Phantom. Und tatsächlich gibt es  Zahlen, die dafür sprechen.

 

So heißt es in der jüngsten Fachkräfteengpassanalyse der Arbeitsagentur: “Aktuell gibt es keinen flächendeckenden Fachkräftemangel in Deutschland.” In einzelnen Berufsgruppen und Regionen seien zwar Mangelsituationen und Engpässe zu verzeichnen und “von einer etwas angespannten Situation im Bereich der Experten” ist die Rede. Aber auch hier ist man von der Deklaration einer echten Not weit entfernt: “Die seit einigen Jahren steigenden Hochschulabsolventenzahlen dürften zu einer Erhöhung der Bewerberzahl mit akademischer Vorbildung geführt haben.” (Bild: Gottschalk / dollarphotoclub)

 

Dollarphotoclub_86578309_Fotor-800x500_cGut, nun kann man trefflich argumentieren, dass der eigentliche Mangel laut Prognosen erst noch kommt. Aber auch hier scheint Entwarnung angesagt. Eine Arbeitsmarktprognose des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales liest sich vergleichsweise milde: “Die Bevölkerung im Erwerbsalter wird infolge des demografischen Wandels nach Schätzungen um gut 6 Millionen bis zum Jahr 2030 sinken. Die jüngsten Entwicklungen der steigenden Erwerbsbeteiligung und der Zuwanderung mit einem Wanderungsüberschuss von rund 370.000 im Jahr 2012 deuten daraufhin, dass die Negativ­szenarien in dieser Größenordnung nicht eintreten müssen. Dennoch wird der Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren zunehmend von einem begrenzten Angebot an Fachkräften bestimmt werden und die Fragen der Fach­kräftesicherung werden die arbeitsmarktpolitische Diskussion dominieren.”

 

Bewerbung: Die Digitalisierung wird’s richten

Doch es es gibt gute makroökonomische Argumente dafür, dass sich das Phantom des  Fachkräftemangels endgültig ins Nichts auflösen wird. Den Grund dafür listet wiederum Zeit-Autor Straubhaar auf. Ach was! Er hat sogar gleich zwei! Erstens: Die fortschreitende Digitalisierung kann den Rückgang der Arbeitskräfte seiner Meinung nach ausgleichen. O-Ton Straubhaar: “An immer mehr Stellen werden Maschinen und Automaten menschliche Arbeitskraft ersetzen. Das alleine wird die Nachfrage nach Fachkräften komplett verändern und verringern.”

 

absolutimages2-800x500_cGrund Nummer zwei: Die Entdeckung zur Notwendigkeit des lebenslangen Lernens. “Die Bildungssysteme dürfen sich nicht länger nur auf die ersten Lebensdekaden fokussieren. Sie müssen sich auch an den Bedürfnissen der 30- bis 70-Jährigen orientieren. Das gilt in besonderem Maße für die Universitäten und Hochschulen. Sie müssen eine Spitzenlehre nicht nur für die Ausbildung junger, sondern auch für ältere Studierende anbieten”, schreibt Straubhaar, der sogar noch eine dritte Geheimwaffe gegen den Fachkräftemangel in petto hat. Die bessere Integration von vermeintlichen Randgruppen wie Frauen, “Älteren” jenseits des 40. Geburtstages und der bereits hier lebenden Migranten. Ja, das wäre doch mal eine Idee! Nicht neu, aber gut! (Bild: absolutimages / dollarphotoclub)

 

Mit diesen gebündelten Maßnahmen spreche vieles dafür, schlussfolgert Straubhaar, dass sich Digitalisierung und Demografie in wunderbarer Weise ergänzen.  Kurzum: Die Panik vor dem  Fachkräftemangel wird sich in Zukunft verflüchtigen – der Digitalisierung sei Dank. Na dann: Willkommen Kollege Computer.

 


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